Der Karnische Höhenweg wird generell in zwei Teile unterschieden. Der westliche, etwas anspruchsvollere Weg und östlich, so heißt es, verläuft der Genußweg über viele Almen. Für uns musste es der spannende Teil sein! So ging es zunächst mit dem Zug vom Münchner Hauptbahnhof über Spittal nach Oberdrauburg und zuletzt mit dem Bus nach Kössen. Gegen 14.30 Uhr konnten wir dort unsere 8-Tages-Tour starten und bewegten uns teils auf Schotter, teils auf Pfaden, am Ende, nahe des Passes, sogar kurz durch einen Autotunnel. Wobei man den hätte umgehen können. Das Albergo Al Valico ist nun nicht die schönste Einrichtung, konnte unsere Bedürfnisse jedoch erfüllen und war für uns ein wichtiger Bestandteil eines eher selten begangenen Teilabschnitts des Höhenwegs.

Am 2. Tag ging es bergauf durch den Kriegstunnel “Cellonstollen”, der in beeindruckender Weise deutlich machte, wie die Stellungen im 1. Weltkrieg aussahen. Anschließend ging es weiter in Richtung Cellon, jedoch wendeten wir uns auf etwa 1700 Hm westwärts und folgten einem schönen, teils ausgesetzten Pfad bis unter den Pass westlich des Cellon. Dort entschieden wir den Gipfel nicht zu besteigen, denn er zeigte sich nicht und aufgrund des einsetzenden Nieselregens, nahmen wir den Weg zu unserem Tagesziel. In ständigem auf und ab ging es, teils spannend angelegt, über sehr schöne alpine Matten, die uns mit einer herrlichen Blumenpracht im Gegensatz zum trüben Wetter belohnten, in Richtung Rifugio Marinelli. Dort fanden wir anfangs noch ein paar Gebirgsjäger und andere Bergleute vor, später war unsere Gruppe ganz allein auf der Hütte. Das verwunderte uns sehr, denn die Speisen die dort kredenzt wurden, waren sicherlich einfach, jedoch in bezaubernder Qualität und mit Liebe angerichtet. Von Schutzhütten ist man das nicht gewohnt und es erstaunt um so mehr, dass die Preise dennoch moderat waren. Ein Hoch auf dieses Juwel. Der Tag war allerdings noch nicht zu Ende, wie sich kurz nach Ankunft heraus stellte. Denn eigentlich war es unser Plan am nächsten Morgen die Hohe Warte zu erklimmen, einer der Glanzpunkte dieser Tour. Die Wettervorhersage war allerdings denkbar schlecht und so sprachen mit der Hüttenwirtin und baten um Rat. Sie empfahl uns den Aufstieg gleich zu machen, denn das Wetter war zwar nicht gerade einladend, aber wenn es am nächsten Tag noch schlechter würde, hätten wir diesen höchsten Gipfel des gesamten Höhenwegs verpasst. Ein Teil der Mitgeher wollte sich diesen “Stress” nicht mehr geben, die anderen zogen nach einer kurzen Pause und mit etwas Stärkung los. Gegen 17 Uhr erreichten wir, völlig ohne Sicht und immer wieder einsetzenden Nieselregen, die Spitze. In aller Dankbarkeit läuteten wir die Gipfelglocke, spalierten für ein Foto und machten uns zügig hinab, um rechtzeitig zum fantastischen Abendessen zurück zu sein.

Am dritten Tag ging es zunächst über den Sentiero Spinotti, der uns mit seiner beeindruckenden Wegführung erfreute. Die Wolken verzogen sich langsam und so konnte man ehrfürchtig auf steile Felswände blicken und ein wenig Weite im Süden erkennen. Ein Espresso und Kuchen, oder Kaffee und Suppe gab es dann noch beim Rif. Lambertenghi, das uns sehr sympathisch und empfehlenswert erschien. Die restlichen Meter um den Wolayersee ging es im Anschluss zur gleichnamigen Hütte und da es noch früher Nachmittag war, entschied sich wiederum ein Teil der Truppe den östlich gelegenen Rauchkogel zu besteigen. Die 400 Höhenmeter, hauptsächlich über Grasmatten, waren schnell erstiegen, Weitsicht am Gipfel Fehlanzeige, jedoch erstaunte uns im Abstieg das Valentinstörl mit seinen bizarren Felsformationen und einer ungewöhlichen Farbvielfalt der Steine. Der Talabstieg zum See bescherte uns noch ein riesiges Schneefeld, das wir dann eher hinab tollten. Nach dem Abendessen und der Vorbesprechung für den nächsten Tag, ging es dann brav zur Hüttenruhe ins Bett.

Tag Vier und immer noch nicht die erhoffte Wetterbesserung. Die Etappe führt uns zunächst hinab zur großen Wolayer Alpe, die uns aufgrund der geringeren Höhe durch einen schönen Bergwald führte. Danach ging es hinauf zum Passo Giramondo, bei dem wir kurz rasteten und nach kurzer Betrachtung entschlossen den kleinen Gipfel “Kreuzleitenhöhe” zu besteigen. Ohne Rucksack und teils weglos gelangten wir hinauf, aber es gab wieder keine Weitsicht, eher ein eindrucksvolles Wolkenspiel. Lichtblicke gab es trotzdem und man konnte die gegenüberliegenden Biegenköpfe im mystischen Schleier erkennen. Gegen Mittag setzen wir unseren Weg fort und zunächst hielt uns dieser Konstant auf etwa 2000 Höhenmeter. Nach einem großen Schotterfeld unterhalb des “Kreutzen” ging es nochmals bergab, ja sogar auf den tiefsten Punkt unserer gesamten Route, nimmt man mal Anfangs und Endpunkt außen vor. Und dabei hatten wir den nächsten Aufstieg schon im Blickfeld. Das Wetter wurde nun deutlich besser, der Sonnenschein lud uns ein bei einer verfallenen Alpe Rast zu machen und ein kühler Bach erfreute unsere erhitzen Füße. Das schöne, fast geschlossene Val Fleons hatte viele Bäche und viel Grün zu bieten. Eine weitere verfallene Alm, später die Fleons-Alm mit einer nur von Hunden bewachten Schafherde und ein steiler Anstieg zum Öfner Joch machten die Tagesetappe lang. Und nach dem Pass ging es nochmal 200 Meter zum urigen Hochweisstein Haus hinab. Dieses war bis zum letzten Platz gefüllt und wir mussten ein wenig darum kämpfen zusammen sitzen zu können. Das Essen war lecker und am Abend regnete es dann schon wieder. Sogar ein krachendes Gewitter kam auf.

Die Königsetappe stand an, die mit 18 Km längste Strecke. Beim Tourenstart sahen wir, dass die Querung zum Luggauer Törl, dem eigentlichen Höhenweg, gesperrt war. Schneefelder seien instabil erklärte uns der Wirt und so hieß es, dass wir zusätzliche 300 Höhenmeter ab- und aufsteigen in Kauf nehmen mussten. Weil uns die Sonne entgegen lachte, hielt uns dies zunächst bei Laune. Vom Törl aus ging es dann weiter ansteigend hinüber zum Luggauer Sattel, wo wir zunächst eine neue Aussicht genießen konnten. Wir rasteten und bestaunten die noch in der Ferne liegenden Dolomiten, ja sogar der Monte Pelmo wurde erahnt, was sich jedoch als eine Art optische Täuschung heraus stellte. Dennoch, die vielen Gipfel die noch südlich des Karnischen Hauptkamms liegen waren sichtbar geworden – kurz davor waren es noch die Lienzer Dolomiten und der Alpenhauptkamm – und es gab einen Ausblick auf unseren weiteren Kammweg. Das motivierte uns sehr! Unterhalb der Hochspitz deponierten wir unsere Rucksäcke und stürmten auf diesen Gipfel als hätten wir Heißhunger. Nach der Hochspitzsenke führte ein älterer Pfad über den Gamskofel, der zumindest hinsichtlich der vielen Hinterlassenschaften seinem Namen Sinn gab. Hier neigte sich dann auch die Moral ein wenig und die Tour wurde ab diesem Zeitpunkt lang. Da gab es noch die Moser Scharte, das Winkler Joch, den Anstieg zur Reiterkarspitze, die Kesselscharte, die Croda Nero (auch Bärenbadegg genannt) und einen recht beeindruckenden, abwechslungsreichen Steig zum Tilliacher Joch. Zuletzt noch 200 Höhenmeter Abstieg zur Porzehütte. Als dann nicht alle um 18 Uhr zur Bestellungsaufnahme am Tisch saßen, kam es kurzweilig zu Aufständen innerhalb der Gruppe, da sich deshalb das Abendessen verzögerte. Nach der langen Etappe war man doch recht hungrig. Gemeinsam gegessen wurde natürlich trotzdem, Friede kehrte ein und ein Geburtstag wurde auch noch gefeiert.

Die zunächst angedachte Überschreitung der Porze am sechsten Tag wurde aufgrund der vorangegangenen Königsetappe, der dadurch erlittenen körperlichen Schäden (Anstrengung – keine Verletzungen!) und der weiter anstehenden, langen Etappe zur Obstansersee Hütte, ausgelassen. Damit waren am Ende des Tages auch alle glücklich. Von der Porzehütte ging es zunächst hinüber auf das Plateau des Roßkars (und ja, es gab tatsächlich Pferde),  dann schummelten wir ein wenig und nahmen eine Abkürzung, da wir einen alten Pfad hinab zum klaren Stuckensee entdeckten und danach ging es wieder aufwärts zum Filmoor. Erstaunlich wie viel Wasser auf so einer Hochebene mit wenigen, noch höheren Gipfel darum zu Tage treten kann. Ebenso erstaunlich war die wunderbare Filmoorhütte, mit einer liebevollen Wirtsfamilie, in drei Generationen, einer offenen Küche und somit der sofort einsetzende Hunger auf einfache, aber tolle Gerichte. Ein kurz einsetzender Regen befahl uns in der Hütte Platz zu nehmen und so konnten wir deren Urigkeit erleben. Schon von der Porzehütte aus war da immer ein Felsgipfel zu sehen und zunächst vermutete man die Große Kinigat. Doch lag die Königswand davor, die wir nur unterhalb über Schotter passierten. Der Weg war der Anstieg zur Kinigat. Ein schöner Fels war das und den sieht man gar nicht mal so oft auf dem Karnischen Höhenweg, der sich hauptsächlich grün bewachsen zeigt. Und dabei muss unbedingt erwähnt werden, wie toll sich der Juli für diese Tour eignet, denn die vielen Blumen und Pflanzen zeigen sich in dieser Höhe, und zu dieser Jahreszeit, in voller Pracht. Nach einer kurzen Gipfelpause stiegen wir einen versicherten Steig hinab zur einer Scharte, um dann im nächsten Moment wieder hinauf zu hecheln. Immer dem Grat folgend ging es dann weiter hinauf zur Pfannspitze. Kurz vor dem Obstanser Sattel wechselte das blockartige Gestein plötzlich die Farbe. Man hätte meinen können, dass er sich seiner grünen Umgebung anpassen wollte. Vom Sattel war nun die gleichnamige Hütte zu sehen und ein Tretboot auf dem Obstanser See beflügelte unsere Fantasien. Der Gedanke verkürzte die 300 Meter Abstieg, aber nein, wir sind dann doch nicht mit dem Tretboot gefahren. Die Hütte bot gutes Essen, Wein und einen gemütlichen Abend.

Eine dichte Wolkendecke trübte den Morgen des siebten Tages. Da diese Schicht jedoch über den Gipfeln lag, man in der Ferne erkennen konnte, dass sie aufreißen wird, gab es an diesem Tag viele kürzere Aussichtspausen. Vor allem beeindruckte der Blick auf die Dolomiten. Wieder dem Grat folgend, in ständigem auf und ab ging es über den Eisenreich – rötlich, wie der Name verrät – die Schöntalhöhe, den Demut, dem Hochgräntensee mit seinem Kriegerdenkmal, einer namenlosen Erhebung, dem Hollbrucker Egg und Hollbrucker Spitze, vorbei an gleichnamigen Seen, zur Silianer Hütte. Diese ist eigentlich für die Mehrzahl der Begeher das erste Etappenziel, wurde aber zu diesem Zeitpunkt umgebaut. Trotzdem gab es einen Koch und viel Sonne und dies lud zum Verweilen ein. Der anschließende Abstieg zur Leckfeldalm hatte es nochmal in sich, da es zum Teil recht steil über 500 Hm hinab ging. Die Alm ist jedoch sehr zu empfehlen. Ein netter und lustiger Wirt, gutes Essen, die Wirtin war hilfreich mit unserer schmutzigen Wäsche, und es gab eine schöne, sonnige Terrasse.

Am letzten Tag blieb uns die Sonne treu und um so mehr Schweiß floss bei dem steilen Aufstieg zum großen Heimkehrerkreuz. Von dort ging es auf den letzten Gipfel dieser Tour, den Helm. Der kürzere Weg, der mit einem Ab- und Aufstieg verbunden gewesen wäre, wurde mit aller Einverständnis gemieden, der kleine Umweg in Kauf genommen. Die Hoffnung auf einen Espresso schwand mit der Annäherung an das einsturzgefährdete Haus auf diesem Gipfel, wobei man sich fragen musste, ob die Beschilderung ohne äußerlichen Absperrungen irgendwie Sinn macht. Ein letztes Gipfelfoto wurde neben vielen anderen Tagesausflüglern geschossen. Die etwas unterhalb liegende Seilbahn hatte offensichtlich regen Betrieb. Denn nach der Abzweigung zu dieser Einrichtung waren wir wieder ganz alleine auf dem Abstiegspfad. Am frühen Nachmittag erreichten wir dann das Örtchen Moos bei Sexten und fanden recht zügig den ersehnten Espresso, sowie eine gute, italienische Küche. Das war dann das Abschiedsessen dieser Truppe, denn ein Teil blieb um weitere Bergabenteuer in den Dolomiten zu erleben, der andere Teil nahm den Bus und die Bahn um nach München heim zu kehren, bzw. um auf weitere Bergtouren zu fahren.
(Peter F.)